20. RACHE IST BLUTWURST

 

Rache ist Blutwurst. Oder: Selbst ist der Mann!

Was wäre Amerika ohne seine starken Männer? Sie haben die Indianer in die Reservate gepresst, für Recht und Ordnung gesorgt, Wolkenkratzer gebaut und die Freiheit in die Welt getragen. Erst die derbe Niederlage im Vietnamkrieg, Watergate und die fortschreitende Liberalisierung konfrontierten Amerika mit steigenden Kriminalitätsraten und Orientierungslosigkeit. Der Staat schien schwach, das Volksempfinden gedemütigt und gequält. Doch dann kamen Männer wie Clint Eastwood oder Charles Bronson. Sie sprachen die Bürgerwehr von Bedenken frei und übten brutale Selbstjustiz. Ihre revisionistischen Racheorgien beherrschten die großen Leinwände, wurden millionenfach gesehen und richteten die weiße Nation wieder auf. Ein gefundenes Fressen für Raubkopierer: Das Rachemotiv hielt Einzug in exploitative Filme – jetzt durften sich auch Frauen rächen, Schwarze rebellieren, Maschinen durchdrehen und Tiere zubeißen.

Selbstjustiz ruft archaische Kräfte auf den Plan. Es sind die Gesetze der Prärie, die die schießwütigen Rächer in den Großstädten einführen. Es herrscht die der Unausweichlichkeit der griechischen Tragödie: Die einsam gezeichneten Helden schlagen nicht aus Menschlichkeit zurück, sondern sie tun, was sie tun müssen. Ihre Vergeltung ist brutal und hat ihre eigene Moral. Die Unterscheidung von Opfer und Täter spielt in Rachefilmen keine Rolle. Vielleicht ist es dieses mythische Moment, das unabhängig von der zweifelhaften Predigt den Reiz dieser Filme ausmacht.

Unsere Rache— und Psychopathenfilme überschreiten Genregrenzen: Wir zeigen Thriller, Rape&Revenge-, Horror- und Actionfilme, SciFi- und
Nunploitationfilme. Die Helden der Filme sind brave Familienväter, vernachlässigte Ehefrauen, Killermaschinen, schöne Nonnen und schräge Zeitgenossen. Gemeinsam ist ihnen allen, dass Sie erst gedemütigt werden, um dann wie Phönix aus der Asche wiederaufzuerstehen, einsam Rache zu üben und eine lange Blutspur hinter sich herzuziehen. Wir sehen mit an, wie normale Menschen zu unbequemen Zeitgenossen mutieren. Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, Trieb und Befriedigung erregt unsere Fantasie aufs Neue.

 

Eine Filmreihe von Jürgen Dittrich und Philipp Stiasny

 

 

FILME:

PSYCHIC KILLER

USA 1975, R: Raymond Danton, D: Paul Burke, Jim Hutton, 90 Min., 16mm, englische Fassung

Jahrelang sitzt Arnold unschuldig als Muttermörder in einer Irrenanstalt. Er nutzt die Zeit, um seine parapsychologischen Fähigkeiten auf Vordermann zu bringen und Rachepläne zu schmieden. Und so dauert es nach Arnolds Entlassung gar nicht lange, bis alle die zu Tode kommen, die ihm den Schlamassel eingebrockt haben. Das passiert auf höchst unschöne, wenn auch fantasievolle Weise. Ein fieser kleiner Schocker, der sicher nichts für Feinschmecker ist. In der „New York Times“ grübelte damals Richard Eder: „Is ‚Psychic Killer’ inspiredly bad or just plain bad? The signs go both ways.“ Das wollen wir meinen!

 

 

EIN MANN SIEHT ROT (DEATH WISH)

USA 1974, R: Michael Winner, D: Charles Bronson, 93 Min., 35mm, deutsche Fassung

Nachdem Einbrecher seine Frau ermordet und seine Tochter vergewaltigt haben, nimmt ein bis dahin friedfertiger Architekt das Recht selbst in die Hand und startet einen Kreuzzug gegen das Verbrechen. Der von Charles Bronson – diesmal ohne Mundharmonika – großartig gespielte, seelisch versehrte und zynisch gewordene Revolverheld vom Schlage eines Dirty Harry macht das nächtliche New York zum Schauplatz einer beispiellosen Abrechnung, und wie im Western reimt sich der Ruf nach Law & Order auf Selbstjustiz. Hinter der Notwehr verbirgt sich der Wunsch zu töten. Ein knallharter, nicht genehmer Film.

 

 

 

RETALIATOR (PROGRAMMED TO KILL)

USA 1987, R: Allan Holzman, D: Sandhal Bergman, Robert Ginty, 91 Min., 35mm, deutsche Fassung

Das Monsterweib Samira ist geschlagen. Der herzensgute Retaliator hat die palästinensische Top-Terroristin zur Strecke gebracht. Kurzerhand implantiert die CIA in Samiras Überreste einen Chip, programmiert sie zur Killermaschine um und schickt sie gegen ihre eigenen Landsleute an die Front. Irgendwann richtet sich der Cyborg gegen seine eigenen Schöpfer. Allan Holzman realisiert den SciFi-Film „Retaliator“ für den in den 80er Jahren tonangebenden B-Film-Verleih Trans World Entertainment und sucht den Windschatten von Camerons „Terminator“. Sexidol Sandahl Bergman steht ihrem muskulösen männlichen Vorgänger in nichts nach: Ihre Fausthiebe sitzen, ihre Fußtritte schmerzen, und ihre Kanone redet Klartext.

 

 

 Wunschfilm: NEUN IM FADENKREUZ (SANS MOBILE APPARENT)

Frankreich 1971, R: Philippe Labro, D: Jean-Louis Trintignant, 101 Min., 35mm, deutsche Fassung

An der französischen Riviera liegt ein Killer auf der Lauer und mordet scheinbar wahllos. Jean-Louis Trintignant als einsamer Ermittler kann kein Motiv erkennen. Dann aber stößt er in der Vergangenheit der Opfer auf eine mysteriöse Frau. Ein düsterer Film Noir unter blauem Himmel, eiskalt und schnörkellos. Peter W. Engelmeier: „Das besondere an diesem Thriller ist sein Missverhältnis zwischen Spannung und Entspannung: Der Zuschauer wird durch Prachtbilder und faszinierende Gesichter gebannt. Im gleichen Sekundenbruchteil dringt eine Gewehrkugel in die Stirn ein.“

 

ATTACK OF THE 50 FOOT WOMAN (ANGRIFF DER 20 METER FRAU)

USA 1958, R: Nathan Juran, D: Allison Hayes, William Hudson, 66 Min., 16mm, englische Fassung

Die bildhübsche Nancy muss mitansehen, wie ihr Ehemann sie schamlos betrügt. Nach einer sonderbaren Begegnung in der Wüste lässt ihre angestaute Wut sie ins Unermessliche wachsen. Nancy beginnt Amok zu laufen. „Attack of the 50 foot woman“ entsteht in nur zwei Wochen als Low-Budget-Produktion. Offenbar schlägt der Australier Nathan Juran in die tiefe Kerbe, die der Sputnik-Schock in der amerikanischen Volksseele hinterlassen hat. Die freche Performance von Allison Hayes und die herzhafte Rock’n Roll-Musik von Ronald Stein verströmen einen süßen Charme. Ein Klassiker des B-Films.

 

 

 

RUSS MEYER’S BLACK SNAKE

USA 1972, R: Russ Meyer, D: Anouska Hempel, David Warbeck, 79 Min., 35mm, deutsche Fassung

Auf einer karibischen Insel herrscht 1835 eine blonde Engländerin über die schwarzen Sklaven einer Plantage. Sie schwingt ihre Peitsche, foltert und quält, bis sie die Rache der revoltierenden Arbeiter trifft. Während bei Russ Meyer sonst vor allem enorme Oberweiten hervorstechen, verlegt sich der Meister hier auf die verblüffende Mischung von Horror, Sadismus, Sex mit Blaxploitation, Kostümdrama und Kritik am Rassismus samt bizarrer Komik. Da ist sogar der katholische „Film-Dienst“ von den Socken: „Rasant inszenierter Primitiv-Film von Russ Meyer, der über Auspeitschung, Kastration und Leichenschändung zielstrebig einem Happy-End zusteuert, wo vom Wert der Demokratie und dem Glück der Menschen die Rede ist.“

 

 

 

FIGHT FOR YOUR LIFE (AUSBRUCH ZUR HÖLLE)

USA 1977, R: Robert A. Endelson, D: William Sanderson, 85 Min., 35mm, englische Fassung

Was herauskommt, wenn der abgebrühte Exploitation-Veteran William Mishkin den klassischen Humphrey Bogart-Thriller „The desperate hours“ (1955) von William Wyler verwurstet, sehen wir in „Fight for your live“: Drei ekelhafte Rassisten, die gerade aus dem Knast ausgebrochen sind, terrorisieren die Familie eines schwarzen Pfarrers. Irgendwann ist das Maß voll, und die Peiniger werden zu Gejagten. Ein drastisches, rohes Werk, das den Betrachter sprachlos macht. Robert Firsching: „This outrageous sleazefest may be the least politically correct film ever seen in American theaters.“

 

 

DER UNHEIMLICHE ZWILLING (BASKET CASE)

USA 1982, R: Frank Henenlotter, D: Kevin van Hentenryck, 91 Min., 35mm, deutsche Fassung

Frank Henenlotters berüchtigter Debütfilm: Zwei siamesische Zwillinge, die als Kinder operativ von einander getrennt wurden, nehmen in New York grausame Rache an den Ärzten, die einen von ihnen zum Krüppel machten. Mit viel roter Farbe und schwarzem Humor huldigt Henenlotter – Sammler, Filmhistoriker und Gelegenheitsregisseur – seiner ironisch getränkten Liebe zum alten Grindhousekino. Frank Trebbin: „Die Widmung des Streifens an Herschell Gordon Lewis ist in Verbindung mit den graphischen Splatter-Szenen ein eindeutiges Aushängeschild für Hard-Core-Horror erster Klasse.“

 

DRILLER KILLER

USA 1979, R: Abel Ferrara, D: Abel Ferrara, Carolyn Marz, 84 Min., 35mm, englische Fassung

Der Maler Reno (Abel Ferrara) kommt mit seinem Leben nicht klar. Er wohnt mitten in New York und das Dach fällt ihm auf den Kopf. Es will und will nicht klappen mit dem Welterfolg. Als dann noch eine Punk-Band in sein Haus zieht und seine Freundin ihn verlässt, dreht er durch. Er schnappt sich den Akkuschrauber und begibt sich auf einen Rachefeldzug. Abel Ferraras Debütfilm ist eine düstere Hymne auf die Straßen von New York, ein böser Abgesang auf die Welt der 70er Jahre, auf Drogen und wilde Musik, Künstlersein und Müßiggang. Eine blutrote Orgie.

 

 

Wunschfilm: DAS STENDHAL SYNDROM (LA SINDROME DI STENDHAL)

Italien 1996, R: Dario Argento, D: Asia Argento, Thomas Kretschmann, 120 Min., 35mm, englische Fassung

Die Polizistin Anna folgt der Spur eines Serienkillers. Sie bekommt den Tipp, der Killer sei in den Uffizien in Florenz. Da Anna am Stendhal-Syndrom leidet, bekommt sie in der Gemäldegalerie Halluzinationen, fällt in eine Art Trance und kippt bewusstlos um. Der seltsame Alfredo (Thomas Kretschmann) kümmert sich um sie. Zu spät erkennt Anna die Falle. „Das Stendhal Syndrom“ ist Argentos irrwitzige Variation von Hitchcocks „Vertigo“. Der in Deutschland nie ins Kino gekommene Giallo erzählt von Identitätsverlust, vom Wechsel der Geschlechterrollen und Persönlichkeitsspaltung. Argentos Tochter Asia spielt mit beispielloser physischer Präsenz, sie kann einstecken und austeilen. Dazu ein Soundtrack von Morricone, wie bereits in Argentos Frühwerken . Wir freuen uns auf das Wiedersehen!

 

DAS HAUS DER LEBENDEN LEICHEN (DON’T GO IN THE HOUSE)

USA 1979, R: Joseph Ellison, D: Dan Grimaldi, Robert Osth, 89 Min., 35mm, deutsche Fassung

Norman Bates hat viele Brüder, und Donald Kohler (Dan Grimaldi) ist einer von ihnen. Als Kind hat er viel leiden müssen, denn zur Strafe verbrannte seine Mutter ihm die Hände. Erwachsen geworden, schlüpft er in deren Rolle. Der Maniac lockt schöne Mädchen in sein Haus und quält sie zu Tode. Doch die Seelen der Frauen finden keine Ruhe. Dieser bildgewaltige Slasher strotzt vor abseitigen Visionen und Spannung. Die Kamera erzeugt eine dichte Atmosphäre, die kongeniale Musik von Richard Einhorn tut ihr Übriges.

 

Wunschfilm: NONNEN BIS AUFS BLUT GEQUÄLT (FLAVIA LA MONACA MUSULMANA)

Italien 1973, R: Gianfranco Mingozzi, D: Maria Casares, Claudio Cassineli, 84 Min., 35mm, deutsche Fassung

Spanien im 14. Jahrhundert. Flavia hat genug vom Kloster. An keinem anderen Ort der Welt ist die Unterordnung der Frau unter den einen Mann, Gott, derart zur Institution verkommen: im seinem Namen geschehen Vergewaltigungen und Morde. Für weibliche Sexualität ist da kein Platz. Als plündernde Moslems ins Land einfallen, sieht Flavia den Zeitpunkt für ihre Rache gekommen. Sie verbündet sie sich mit dem fremden Kriegsherrn. Flavia genießt das fürchterliche Gemetzel unter den Christen und verliert im Rausch ihre Unschuld. Gianfranco Mingozzi ist eigentlich Dokumentarfilmer. Er und Kameramann Alfio Contini zeichnen die angeblich wahre Geschichte der Nonne Flavia in eindringlichen Bildern nach. Sie machen aus dem Kostümfilm ein ziemlich merkwürdiges Plädoyer für die sexuelle Revolution der Frau.