23. TEUFELSWEIBER

Böse Frauen in bösen Filmen

Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin. So hieß vor ein paar Jahren ein Buch der Psychologin Ute Ehrhardt, das Frauen dazu ermunterte, mal etwas öfter auf den Putz zu hauen und sich mehr Gehör zu verschaffen. Eine prima Idee, finden wir und versammeln für unsere neue Filmreihe einen Haufen von Frauen, die aus den alten, staubigen Geschlechterrollen ausbrechen. Sie verlassen ihre vorgezeichnete Bahn und rebellieren; sie stellen sich gegen das männliche Gesetz, sie sind durstig nach Freiheit, nach Leben.

Während das Mainstreamkino für Frauen die längste Zeit über nur die Rolle der verruchten femme fatale oder schützenden Mutter, guten Kameradin oder zukünftigen Ehefrau kannte, geht es im rüpelhaften, ungewaschenen und garantiert unkorrekten Exploitationkino ganz anders zu. Hier werden die guilty pleasures (und nicht nur die der Männer) ausgespielt und Grenzen lustvoll überschritten. Hier tummeln sich Gestalten, die auf guten Geschmack und bürgerliche Erziehung pfeifen, die Außenseiter sind und von Außenseitern erzählen.

Dieses abseitige Kino ist natürlich nie eine bewusste Spielwiese von Feministen gewesen. Doch die Macher der Exploitationfilme teilen bestimmte Anliegen einer politischen Bewegung, die für eine liberale und gleichberechtigte Gesellschaft kämpft; auch sie sind am Regelverstoß und der Provokation interessiert. Unsere neue Reihe veranschaulicht das sowohl auf der Ebene der handelnden weiblichen Figuren wie auf der Ebene der Filmemacher.

Unsere Frauen beißen und kratzen, leben ihre sexuellen Fantasien aus, sie sind Opfer männlicher Gewalt und schlagen grausam zurück, sind werden eingesperrt in Besserungsanstalten und planen den Ausbruch. Die bösen Frauen sind Gangster, Racheengel und Vampire, und sie sind böse nur in dem Sinne, wie unsere bad movies schlecht sind, nämlich im Sinne der Travestie, des Camp. Potz Blitz, was für Teufelsweiber! Unsere Filmemacher sind Überzeugungstäter, denen ihre eigentümliche Freiheit über alles geht – darunter die Erotomanen Joe Sarno und Jess Franco (dessen 80. Geburtstag wir am 12. Mai feiern), der Transvestit Ed Wood und die hochverehrte Doris Wishman, die einem ihrer Filme den programmatischen Titel gab: „Bad girls go to hell!“

SADOMONA – INSEL DER TEUFLISCHEN FRAUEN (POLICEWOMEN)

(USA 1974, R/B/D: Lee Frost, P/B/D: Wes Bishop, D: Sondra Currie, Elizabeth Stuart, Jeannie Bell, Laurie Rose, Tony Young, Phil Hoover, 95 Minuten)

Lacy Bond hat eine rote Mähne, kann Karate und ist hart wie Kruppstahl. Im Auftrag der Polizei soll sie eine brutale Räuberbande unterwandern, die von einer alten Oma und ihren ebenso scharfen wie brutalen Enkelinnen angeführt wird. Nach speziellem Training ist Lacy soweit und räumt als Super-Cop auf der Insel der teuflischen Frauen auf. Irgendwie unbeschreiblich weiblich, das Ganze. Ausgedacht hat sich dieses Spektakel Lee Frost (1935-2007), ein Statthalter des immer explosiven, immer unabhängigen Exploitationfilms der 60er und 70er Jahre. Sehr hautfreundlich, knallig, unkorrekt. Die Hauptrolle spielt die umwerfende Sondra Currie, die damals auf Bad Girls und Racheengel geeicht war. Ihr „Mama’s Dirty Girls“ (1974) warb mit der Tagline: „Men were just meat to be used and abused!“ Heiß und fettig!

 

 

FRANKENSTEINS TOCHTER (FRANKENSTEIN’S DAUGHTER)

(USA 1958, R: Richard E. Cunha, D: Donald Murphy, Sandra Knight, Sally Todd, John Ashley, Harold Loyd Jr., 82 Minuten)

„Beware! The night holds terror!“ Denn nachts verwandelt der schmierige Enkel von Dr. Frankenstein die ahnungslose Nichte seines Arbeitgebers, Trudy, in ein Ungeheuer (im Nachthemd). Und als sei das nicht genug, macht sich Frankenstein auch noch an Trudys Freundin Suzie heran, die das Bad Girl gibt und vom heißen Playmate Sally Todd gespielt wird. Gelingt es Frankenstein, ihr Gehirn in sein schreckliches Monster einzupflanzen? Was wird aus Trudys Teenager-Clique? Was hat es mit dem Konzert einer Rock’n’Roll-Band auf sich? Und wer ist eigentlich Frankensteins Tochter? Wie immer bei Richard Cunha (1922-2005) unterläuft auch dieser Low Budget-Quickie alle Regeln und Erwartungen und bettelt geradezu um Häme und Verachtung. Und doch, wie in jedem wirklich wunderbaren Film, verschmelzen hier das Erhabene und das Lächerliche und das unberechenbar Fantasievolle.

(Ein kurzes Interview mit Richard Cunha: http://www.bmonster.com/cult20.html)

 

 

DER FLUCH DER SCHWARZEN SCHWESTERN (THE DEVIL’S PLAYTHING / VEIL OF BLOOD)

(Schweiz 1973, R/B: Joseph W. Sarno, D: Nadia Henkowa, Marie Forsa, Anke Syring, Ulrike Butz, Claudia Fielers, 102 Minuten)

Auf einem Schloss im Schwarzwald laden die beiden weiblichen Nachfahren einer blutlüsternen Baroness zur Orgie. Die Schwestern der Finsternis geben sich mit ihren Anhängerinnen allerlei okkultem Kram hin, lieben und quälen einander im Kerzenschein und malen ihre nackten Körper bunt an. Ein neuer Vampir soll erweckt werden, doch eine Wissenschaftlerin, die zu Besuch kommt, will das verhindern. Joseph Sarno, ein Pionier des Sexploitationfilms, der seit den 60er Jahren sowohl in Amerika wie in Europa arbeitete, interessiert sich auch hier wieder für die Grenzbereiche der Sexualität und erschafft eine dunkel-verlockende Gegenwelt, bestehend aus Hippiekultur und Bongoklängen, dräuendem Stillstand, schwülem Spektakel und theatralischem Spiel. Jess Franco und Jean Rollin stehen Pate.

 

ED WOOD’S THE SINISTER URGE (THE YOUNG AND THE IMMORAL)

(USA 1961, R/B/P/D: Edward D. Wood, Jr., D: Kenne Duncan, James Moore, Jean Fontaine, 75 Minuten)

Gloria Henderson ist die böse Frau, die im Auftrag eines Syndikats verbotene Pornofilme produziert und unters jugendliche Volk bringt. Sie nutzt dafür junge Mädchen aus, die voller Hoffnung und ohne Geld nach Hollywood kommen. So weit, so schmutzig. Doch obendrein gibt es noch einen Serienkiller, der es mit dem Konsum besagter Filme übertrieben hat und nun Jagd macht auf die Objekte seiner Begierde. Wer fängt den Mörder zuerst: die Polizei oder die humorlosen Leute des Syndikats? Ein Thriller, der zu warnen vorgibt, um sich klammheimlich das Tabuthema der Pornografie vorzuknöpfen und die Grenzen des Machbaren zu testen. Dass Ed Wood (1924-1978) für seinen Film nur ein Mini-Budget zur Verfügung hatte, sieht man in jeder Szene. Doch der als Kultregisseur verehrte Wood macht das wett durch Eigensinn, Gewitztheit und verschrobene Einfälle. Wie vorher schon „Glen or Glenda“ (1953) und „Plan 9 from Outer Space“ (1959) ist auch „The Sinister Urge“ das Manifest einer durch nichts zu bändigenden Hingabe an ein Kino jenseits der Norm.

 

 

L’OSSESSA – DAS OMEN DES BÖSEN / VERTEUFELT (L’OSSESSA)

(Italien 1974, R/B: Mario Gariazzo, D: Stella Carnacina, Ivan Rassimov, 92 Minuten)

William Friedkins „Exorzist“ (1973) schlug ein wie eine Bombe. Dem italienischen Genrefilmer Mario Gariazzo gelang nur ein Jahr später ein kurioser Nachfolger, der in den USA unter dem vielsagenden Titel „Sexorcist“ ins Kino kam. Die schöne Kunststudentin Daniela (Stella Carnacina) rettet zusammen mit ihrem Professor religiöse Skulpturen aus einer alten Kirche, die zum Abriss freigegeben ist. Zunächst rekonstruiert sie ein Kruzifix, das einen der Diebe zeigt, die bekanntlich neben Jesus hingerichtet wurden. Als dann plötzlich der Mann (Ivan Rassimov) vom Kreuz herabsteigt, sich aller Kleider entledigt und von Daniela Besitz ergreift, ist ein Exorzismus fällig. Schlimm, schlüpfrig, gory.

 

Jess Franco zum 80. Geburtstag: DAS GEHEIMNIS DES DR. Z (MISS MUERTE)

(Frankreich/Spanien 1966, R/B/D: Jess Franco, D: Mabel Karr, Estella Blain, Howard Vernon, 86 Minuten)

Jess Franco spaltet die Gemüter. Nimmermüde dreht er einen Film nach dem anderen (bis heute sind es fast 200), auch wenn ihm die breite Anerkennung verwehrt bleibt. Darunter sind hanebüchen konstruierte, oftmals eher komische Horrorfilme und Krimis, schwüle Sexfilmchen und fußlahme Actionstreifen. Wie selbstverständlich partizipieren Francos Filme an filmischen Moden, doch darin erschöpfen sie sich nicht. Je unwahrscheinlicher Handlung und Logik, desto irrer der filmische Trip. Dekor, Musik, erotische Fantasien – all das atmet den Geist des Regisseurs, der häufig auch Produzent, Kameramann, Darsteller, Cutter und Komponist ist. Jess Franco, ein unbeugsamer auteur?

Gegenüber Gerd Naumann bekennt Franco: „Es gab einen sehr netten und intelligenten Kritiker in Barcelona. Er schrieb über mich, dass ich der erste Regisseur sei, der B-Filme ‚of art and essay‘ gemacht habe. Wissen Sie, was das bedeutet? Es sind B-Filme, doch sehr, sehr unkommerziell und schwierig. Vielleicht ist es wahr. In meiner Zeit als Regieassistent von Louis Berlanga erlebte ich, wie er wegen der Zensur sehr verzweifelt war. Er sagte zu mir: ‚Hör zu, Jess. Um gute Filme zu machen, braucht man nur zwei Dinge: eine Kamera und Freiheit.‘ Und es stimmt. Das ganze Leben lang muss man sich entscheiden zwischen der Freiheit und der Großproduktion. Und ich wählte die Freiheit, damit mein Geist frei bleiben konnte.“

„Die Freunde des schrägen Films“ zeigen anlässlich von Francos 80. Geburtstag sein virtuoses Frühwerk „Das Geheimnis des Dr. Z.“ Darin rächt Irma (Mabel Karr), die bildhübsche Tochter eines verrückten Arztes, den Tod ihres von der Fachwelt verlachten Vaters und verwandelt Menschen in willenlose Sklaven. Irma hypnotisiert eine Nachtclubtänzerin (Estella Blain), die fortan als Miss Muerte zu ihrem tödlichen Werkzeug wird. Eine melancholische Domina, die Täterin und Opfer, Göttin und Hure zugleich ist.

 

 

LET ME DIE A WOMAN

(USA 1979, R/B/P: Doris Wishman, D: Leslie, Dr. Leo Wollman, Deborah Harten, Harry Reems, 70 Minuten)

Doris Wishman (1912-2002), die Grande Dame des Sexploitationfilms, geht ans Eingemachte. In „Let me die a woman“ stellt sie uns Leslie vor, eine attraktive junge Frau, die uns erklärt: „Im letzten Jahr war ich noch ein Mann!“ Und dann geht es los: Mit einem Gynäkologen, der über Geschlechtsumwandlungen spricht, mit dem Besuch einer Selbsthilfegruppe, mit Bildern vom Operationstisch und ein paar gepfefferten Sexeinlagen (und unerwarteten Cameo-Auftritten der Pornostars Harry Reems und Vanessa del Rio). Das alles ist auf eine Weise zusammenmontiert, die einem den Atem raubt. „Let me die a woman“ kokettiert ein bisschen mit der Mondowelle und bisschen mit dem Sexfilm, doch dazwischen zeigt Wishman den gleichen Ernst und die gleiche Verpflichtung für ihr Thema wie ihr Geistesverwandter Ed Wood in „Glen or Glenda“ (1953). In ihrem Nachruf auf Wishman in der „Süddeutschen Zeitung“ (!) schreibt Doris Kuhn: „Ihr Werk ist einzigartig, und dass es dennoch kaum Aufsehen erregte, liegt sicher auch daran, dass man es nur selten und nur in Schmuddelkinos sehen konnte. Das ist umso trauriger, als Wishman mit ihren Filmen deutlich machte, dass wirklich wildes Kino mit der erbaulichen Realität Hollywoods nichts zu tun hat. Einer ihrer Klassiker hieß ‚Bad Girls Go to Hell’. Wenn das stimmt, hat sie jetzt möglicherweise viel Spaß.“

 

 

JUNGE MÄDCHEN ZUR LIEBE GEZWUNGEN (THE LAST HOUSE ON THE BEACH / LA SETTIMA DONNA)

(Italien 1978, R: Franco Prosperi, D: Florinda Bolkan, 86 Minuten)

Das Fluchtauto von drei fiesen Bankräubern macht direkt vor einer großen Villa schlapp, in der gerade knapp bekleidete Klosterschülerinnen für das Abitur büffeln. Auch die resolute Schwester Christina, gespielt von der Nunsploitation-Ikone Florinda Bolkan, kann die anschließende Orgie der Gewalt nicht aufhalten. Doch es kommt der Moment, da schlagen die Frauen zurück. Der italienische Beitrag zum Rape-Revenge-Genre verzichtet auf die brutalen, grob provozierenden Bilder der amerikanischen Originale und außerdem auf jeden Witz. Stattdessen kommt der Film gleich zur Sache und zeichnet ein düsteres Bild der Zustände in der Villa. Die Settings sind so typisch 70er Jahre wie die Musik und der kongeniale Titelsong. Franco Prosperi, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Co-Regisseur der ersten Mondo-Filme, leistet perfekte Arbeit.

 

 

SO YOUNG, SO BAD

(USA 1950, R: Bernard Vorhaus, D: Paul Henreid, Anne Francis, Catherine McLeod, 91 Minuten)

In einer Besserungsanstalt für straffällig gewordene Mädchen regiert die Knute. Die harten Herbergseltern haben Spaß daran, die jungen Insassinnen zu gängeln und zu quälen, es regieren Angst und Terror. Selbst der gute Psychiater Dr. Jason (Paul Henreid) scheint machtlos. Da hat eines der Mädchen genug und plant den Aufstand. Regisseur Bernard Vorhaus und Drehbuchautorin Jean Rouverol wurden in der McCarthy-Ära kommunistischer Propaganda angeklagt und mit Berufsverbot belegt. Sie drehten SO YOUNG, SO BAD mit wenig Geld an authentischen Schauplätzen in New York und Umgebung. Auch Paul Henreid, der in der Rolle als Victor Lazslo in CASABLANCA unvergessen ist, hat an der Regie mitgearbeitet. Die Untertöne lesbischen Aufbegehrens und der so freiheitliche wie exploitative Umgang mit dem WIP-Thema nehmen die 70er Jahre vorweg.

 

THE BLOOD SPLATTERED BRIDE (LA NOVIA ENSANGRENTADA)

(Spanien 1972, R/B: Vincente Aranda, B: nach der Novelle von Sheridan Le Fanu (1814-1873), D: Maribel Martin, Simón Andreu, Alexandra Bastedo, 100 Minuten)

Endlich Flitterwochen. In einem Hotelzimmer wartet Susan (Maribel Martin) auf ihren Ehemann (Simón Andreu). Ihre Gedanken schweifen ab, und sie träumt von einem schmucken Kerl, der ihr das Hochzeitskleid zerreißt und sie vergewaltigen will; ein düsterer Vorgeschmack auf das, was ihr als Ehefrau droht. Rettung verspricht lediglich die immer hungrige, fesselnd schöne Mircalla von Karnstein (Alexandra Bastedo), die als Liebhaberin in ihr Leben tritt. Susan muss zwischen weiblichem Vampir und Ehemann wählen. Vincente Aranda verlegt Sheridan Le Fanus Carmilla-Geschichte (1872) kurzerhand in die Gegenwart. Unter Zuhilfenahme großer Symbole lotet er das dunkle Verhältnis zwischen Sexualität, Begierde und Gewalt neu aus. Ein stimmungsvoller Horrorfilm.