22. AMERICAN MONSTER

Was fasziniert uns eigentlich am Ekel? Warum bleiben wir ruhig im Kinosessel sitzen, wenn sich gefräßige Würmer durch unsere Gedärme arbeiten, das Blut meterhoch spritzt oder ein idyllischer Badestrand plötzlich die Form einer finsteren Fratze annimmt? Monsterfilme schwelgen im Exzess, sie sind die Boten des Irrationalen, hier wird nichts erklärt, die bedrohlichen Bilder und Töne sprechen vielmehr alle Sinne in uns an und machen Kino als Gefühl erlebbar. Während das klassische Hollywood-Kino immer auf die Logik der erzählten Geschichte achtete und klare Identifikationsangebote machte, haben seine Schmuddelkinder jegliche Ordnung außer Kraft gesetzt und wühlen buchstäblich im Dreck. Das sensationsreiche Ergebnis fesselte seit den 50er Jahren Zuschauer in Autokinos von Los Angeles bis New York. Heute entstehen Horrorfilme im Mainstream-Kino und die movie brats, die Flegel von damals, gehören längst zum Establishment.

Monsterfilme versetzen das Publikum in Angst und Schrecken. Sie erzwingen unsere Reaktion: Wir können die Filme mögen oder verdammen, wir können darüber lachen oder schreien, unberührt lassen sie uns nicht. Wenn sich Manitou im Hals einer jungen Frau reinkarniert, wenn eine rote Masse wahllos Menschen verschlingt oder Frankensteins Monster, statt sich fortzupflanzen, lieber Männer verführt, dann materialisieren sich Bilder von rachsüchtigen Indianern, fleischfressenden Kommunisten und sexuellen Sehnsüchten zu einem Potpourri aus kollektiven Urängsten, politischer Paranoia und den Schattenseiten des American Dream. Die besten Monsterfilme erzählen viel über die Vergangenheit und sind immer auch als gesellschaftliche Parabeln lesbar. Unsere Reihe, die ihren Titel dem gleichnamigen Film von Larry Cohen entleiht, gruppiert einige dieser Filme und lädt ein zum Wiedersehen und Entdecken — wie immer in raren Zelluloid-Kopien.

In SQUIRM terrorisieren durch einen Blitzschlag elektrisierte Würmer eine ganze Stadt. Wozu eine aus den Fugen geratene Natur fähig ist, zeigt sich schnell an ein paar abgenagten Menschenknochen. REPTILICUS konfrontiert uns mit einem wütenden Monster aus dunkelster Uhrzeit. In BLOOD BEACH hingegen wird gleich der ganze Sandstrand einer amerikanischen Provinzstadt gefräßig. Hinfällig das Versprechen vom idyllischen Badespaß. In Bert I. Gordons VILLAGE OF THE GIANTS werden Jugendgangs zu wahren Riesen. Manifestiert sich da eine Angst vor der rebellierenden Jugend von der Beatniks- bis zur Hippie-Kultur? MANITOU heißt der große Gott der geschundenen Ureinwohner Nordamerikas. Wenn er wiederaufersteht, rüttelt er an den Grundfesten des American Dream. In BLOB – ANGRIFF AUS DEM WELTRAUM verschlingt eine rote Masse aus dem All wahllos Teenies. Heute wissen wir es besser: Der Kommunismus war böse und gefräßig. ANDY WARHOL’S FRANKENSTEIN trägt eigentlich die Handschrift des Genrefilmers Morrisey. Wilde sexuelle Fantasien vermengen sich eindrucksvoll mit Klassenkampfmotiven und Versagensängsten.

 

SQUIRM – INVASION DER BESTIEN (SQUIRM)

(USA 1975, R/B: Jeff Liebermann, P: AIP, D: Don Scardino, Patricia Pearcy, 93 Min.)

Ein Juwel des schlimmen Films. Mitten durch Sturm und Regen reist der Student Mick aufs platte Land, um seine Freundin zu besuchen. Mit seiner Brille und den Manieren eines versnobten Großstadtmenschen hat er dort gleich einen schweren Stand, und das bessert sich auch nicht, als er sich lauthals in einer Kneipe über den Wurm in seinem Bier beschwert. Doch irgendwann hat nicht nur Mick ein wirkliches Problem mit Würmern, die sich als ausgesprochen hungrig erweisen. Schleim, Ekel, Splatter. Alles da und zwar reichlich. Dennoch wurzelt das Entsetzen in SQUIRM nicht so sehr in der Masse der Scheußlichkeiten, sondern in kriechender Spannung und messerscharfen Effekten. Mitschuldig daran ist der Make Up-Künstler Rick Baker, der vorher schon bei Larry Cohens IT‘S ALIVE sein Talent gezeigt hatte und seither für Horrorgrößen wie John Carpenter, David Cronenberg und Tobe Hooper und diverse Großproduktionen (THE RING, HELLBOY etc.) gearbeitet hat.

 

George A. Romero zum 70. Geburtstag: CRAZIES (THE CRAZIES)

(USA 1973, R/B/Schnitt: George A. Romero, D: Lane Carroll, W.G. McMillan, Lynn Lowry, 103 Min.)

Am 4. Februar feiert George A. Romero seinen 70. Geburtstag, und wir ehren diesen Pionier des modernen Horrorfilms mit der Vorführung eines seiner Frühwerke. Nachdem er sich – gerade mal 28 Jahre alt – mit der Low Budget-Produktion NIGHT OF THE LIVING DEAD unsterblich gemacht hatte, blieb es zunächst etwas stiller um Romero, bevor er sich mit THE CRAZIES zurückmeldete: Wieder ist das ländliche Amerika Schauplatz des Schreckens. Wo aber vorher Zombies durch Wald und Wiesen staksten, da sind es nun wildgewordene Farmer und Dorfbewohner, die durch einen Chemieunfall vergiftet wurden. Das Militär will das ganze Gebiet unter Quarantäne stellen, aber die Leute vom Land wehren sich. Wieder interessiert sich Romero vor allem für das fragile Wesen unserer modernen Gesellschaft, für das Zersplittern aller zivilisatorischen Fesseln und die Rückkehr zur anarchischen Gewaltherrschaft, für den Prozess der Selbstmobilisierung und die Entstehung von Paranoia. Doch Romero wäre nicht Romero, würde er das nur trocken bilanzieren. THE CRAZIES bereitet Schmerzen; der Film ist ein hellsichtiger, kompromissloser Schocker, der im Zeitalter von Anthrax-Waffen und Impfhysterie nichts von seiner Bissigkeit verloren hat. Das von Romero produzierte Remake von THE CRAZIES kommt in diesem Frühjahr in die Kinos.

 

 

REPTILICUS

(Dänemark/USA 1962, R/B/P: Sidney Pink, M: Les Baxter, D: Carl Ottosen, Ann Smyrner, Mimi Heinrich, 81 Min.)

Etwas ist faul im Staate Dänemark. Wobei wir die Hauptstadt unseres Nachbarlandes ja nicht erst seit Lars von Triers HOSPITAL DER GEISTER als Ort des unerklärlichen, in der Tiefe lauernden Grauens kennen. In „Reptilicus“ stoßen Arbeiter bei Grabungen in Kopenhagen auf ein Urzeitmonster, das wieder zum Leben erwacht und sich nun böse aufführt. Der Film spielt in einer eigenen Liga, wie man von einem Regisseur namens Sidney Pink erwarten darf: Die Special Effects sind hanebüchen, die Tourismuswerbung für Dänemark grotesk und alles zusammen ein Manifest des Bad Acting. Das zusammengenommen, ist REPTILICUS dennoch ungeheuer komisch und unbeschwert: ein Wunderding mit einem Score von Les Baxter.

 

 

BLOOD BEACH – HORROR AM STRAND (BLOOD BEACH)

(USA 1980, R/B: Jeffrey Bloom, D: David Huffman, Mariana Hill, John Saxon, 85 Min.)

An einem Badestrand in Kalifornien passieren furchtbare Dinge. Gerade noch hopst ein knackiges Mädchen übermütig in die Brandung, und schwups ist es weg. Na klar, das muss der hungrige Hai gewesen sein. Aber weit gefehlt, denn hier ist der Sand hungrig. Irgendwas hat sich da versteckt, was allerdings nicht nur auf Bikinis und Dackel scharf ist, sondern bei anderer Gelegenheit auch einen Vergewaltiger untenherum anknabbert. John Saxon als wackerer Cop ist ratlos. Mit gutem Geschmack und gepflegtem Handwerk hat das alles nicht viel zu tun: BLOOD BEACH ist ein Monsterfilm mit viel Gekreische, dräuender Panikmusik und verzerrten Bildern, so als habe man Vaseline auf die Kameralinse geschmiert. Wie schön: 1980 gab es noch solche schnell hingerotzten B-Filme.

 

 

WHEN THE SCREAMING STOPS / THE LORELEY’S GRASP (LAS GARRAS DE LORELEI)

(Spanien 1974, R/B: Amando de Ossorio, D: Tony Kendall, Helga Liné, Silvia Tortosa, 82 Min.)

Das kommt heraus, wenn man einem spanischen Horrorexperten die traurigsüße, ach so deutsche Legende der Lorelei vorsetzt. Aus der verschmähten Frau vom Rheinfelsen, die mit ihrem Gesang die Schiffer in den Tod lockt, ist nun eine Bestie geworden, die nachts ein Mädcheninternat terrorisiert. Nur der brave Sirgurd (Tony Kendall aka Kommissar X) kann die jungen Damen retten. Olé! Amando do Ossorio, bekannt für seine schmuddeligen Zombiefilme mit reitenden Leichen, vermengt den klassischen Gothic-Horror mit einer kleinen Prise Sex und einer großen Prise Gore. Ein frühes, wegweisendes Beispiel des europäischen Splatterfilms.

 

 

VILLAGE OF THE GIANTS

(USA 1965, R/P/SFX: Bert. I. Gordon, B: H.G.Wells, M: Jack Nitzsche, D: Tommy Kirk, Johnny Crawford, Beau Bridges, 80 Min.)

VILLAGE OF THE GIANTS basiert auf einer Geschichte von H.G.Wells und bietet einfach alles: Science Fiction und Rock’n’Roll, Beach Party-Stimmung und Mutanten-Trouble. Junge Leute fallen in eine Kleinstadt ein, tanzen wild und betrinken sich. Dann stehlen sie eine gerade erst zusammengerührte chemische Substanz, die rasendes Wachstum hervorruft. Nach Experimenten mit ein paar Tieren schlucken die neugierigen Teenager das Zeug selbst und verwandeln sich in Giganten. Was folgt, ist ein rauschhaftes Spektakel, begleitet von stampfenden Beats und fantastischen Rückprojektionen. Dazwischen ein kleines Männchen, das in den Ausschnitt einer riesigen Frau zu krabbeln versucht. Der Titelsong von Jack Nitzsche gefiel Quentin Tarantino so gut, dass er ihn in DEATH PROOF recycelte. Sehr apart!

 

 

DER MANITOU (THE MANITOU)

(Kanada/USA 1978, R/B/P: William Girdler, M: Lalo Schifrin, D: Tony Curtis, Susan Strasberg, Michael Ansara, 94 Min.)

Das Vermächtnis von William Girdler (1947-1978), einem der unbesungenen Heroen des rohen, verschwitzten B-Films der 70er Jahre. In seinem letzten, vergleichsweise aufwendigen Film, THE MANITOU, entdeckt Girdler mehrere Jahre vor WOLFEN (1981) und AMERICAN MONSTER (1982) das indianische Erbe Amerikas als Ausgangspunkt für einen Horrorfilm mit kritischen Untertönen. Eine junge Frau leidet unter einem ständig wachsenden Tumor im Nacken. Es klingt etwas sonderbar, aber dieser Tumor beherbergt die Reinkarnation eines uralten indianischen Schamanen, der Rache nehmen will für die Ausrottung seines Volkes durch die Weißen. Der Tumor platzt, und ein Blutbad beginnt: Surreal, grausam und völlig unfassbar. Dass mit Tony Curtis und Susan Strasberg gleich zwei prominente Veteranen des alten Hollywood mit von der Partie sind, verstärkt nur noch die Gewissheit, mit THE MANITOU ein ziemlich außergewöhnliches Gebräu zu genießen. Girdler, nur 30 Jahre alt, erlebte die Premiere seines Films nicht mehr mit. Er starb beim Absturz seines Helikopters auf der Suche nach einem neuen Drehort auf den Philippinen.

 

 

ANGRIFF AUS DEM WELTALL / BLOB – SCHRECKEN OHNE NAMEN (THE BLOB)

(USA 1958, R: Irvin Yeaworth, Titelsong: Burt Bacharach, D: Steve McQueen, Aneta Corsaut, Earl Rowe, 82 Min.)

Die Welt geht zu Bruch, aber keiner glaubt es einem. Zwei Teenager sind die einzigen Zeugen, als ein Meteorit in der Nähe einer amerikanischen Kleinstadt einschlägt und sich danach eine schleimige, alles Leben vertilgende rote Masse über das Land ergießt. Im Kalten Krieg durfte man das ruhig als Metapher für den Kommunismus verstehen. Die Warnungen der Jugendlichen werden überhört. Bis das Glibberzeug beginnt, den Ort aufzufressen. THE BLOB ist Teenploitation pur und hat seit seinem Erscheinen nichts von seinem Charme verloren. Kein Wunder, dass Rob Zombie gerade ein Remake dreht. Legendär ist auch Steve McQueens erster großer Auftritt, der ihn zum Star machte: Im Alter von 28 Jahren spielt er einen 17jährigen Schüler, der auch für 38 durchgehen könnte. Am 24. März wäre er 80 geworden.

 

 

ANDY WARHOL’S FRANKENSTEIN (FLESH FOR FRANKENSTEIN)

(Italien 1973, R: Paul Morrissey, D: Udo Kier, Joe Dallesandro, Monique Van Vooren, Arno Juerging, 85 Min.)

Baron Frankenstein (Udo Kier) bastelt im Keller seines Schlosses an einer Herrenrasse herum und verwendet dabei die Bauern des Dorfes als Ersatzteillager. Voller Erregung sieht er dem Moment entgegen, in dem sich die beiden Prototypen seines neuen Menschengeschlechts endlich fortpflanzen werden. Dann die Pleite: Der selbstgebaute Mann steht nicht auf Frauen. Parallel zum unappetitlichen Geschehen im Untergeschoss tobt sich die nymphomane Schwester des Barons (und Mutter seiner Kinder) im Bett mit einem muskulösen Diener aus. Sex und Gore, Sittenverfall und Klassenkampf, Kunst, Camp, schrecklicher Humor: Diese queere Mixtur macht Warhols Kumpel Paul Morrissey so leicht keiner nach.