21. PARANOIA-BLUES
Französische Kriminalfilme 1966-1984
Krimifreunde wissen mehr. Denn Krimis liefern Psychogramme von Gesellschaften, deren Ordnung und Stabilität durch Unrecht und Verbrechen bedroht sind. Was ist erlaubt im Kampf gegen die Kriminalität? Welche Mittel und Methoden darf der Staat einsetzen? Solche Fragen werden im Krimi austariert, weshalb Krimis, die in autoritären Regimes entstehen, zuallermeist öde und affirmativ und im Grunde funktionslos sind. Am Krimi, der ja fast immer in der Gegenwart spielt und aktuelle Themen aufgreift, lässt sich besser als an anderen Filmgenres ablesen, welche Ängste und Sicherheitsbedürfnisse eine moderne freiheitliche Gesellschaft umtreiben. Ist es die Angst vor einem Einzeltäter oder übermächtigen Strukturen in einem krakenartigen Staat, vor Terroristen oder jenen, die die Terroristen jagen und nebenbei die Beschneidung der Bürgerrechte vorantreiben?
Blickt man auf Frankreich und seine außerordentliche Krimikultur, so zeigen sich vielerlei Korrespondenzen zwischen der Konjunktur bestimmter Themen und Motive im Krimi und politischen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Das gilt wohl besonders für jene langen siebziger Jahre, die 1969 mit der Abdankung von Charles de Gaulle beginnen und mit dem Wahlsieg der Sozialisten 1981 enden. Es ist eine Phase des beschleunigten Wandels. Das Kapitel über diese Epoche in Hans Gerholds Sozialgeschichte des französischen Krimis „Kino der Blicke“ (1989) trägt die Überschrift „Paranoia-Blues“: Eine These, die wir gerne ausborgen.
Im Spiegel seiner Krimis erscheint das damalige Frankreich tatsächlich als ein Land, das unter multiplem Verfolgungswahn leidet und das nicht immer ohne Grund. Die Filme kreisen um Korruption und Filz, um Bündnisse zwischen Beamten, Industriellen und Unterweltbossen, um Justizskandale, Terrorismus und den Ruf nach dem Sicherheits- und Überwachungsstaat, um Konspirationen und massenmedial erzeugte Hysterie. Dabei lassen sich die Krimis nicht über einen Kamm scheren. Einige kokettieren mit hartem Durchgreifen am Rande der Legalität, andere üben Kritik am Ausmaß staatlicher Gegengewalt, an Autoritätshörigkeit, Rechtsbeugung und Panikmache. Ungeachtet ihres politischen Anspruchs verbindet sie die Tradition eines in Deutschland längst untergegangenen Genrekinos mit großen Stars wie Ventura, Belmondo und Delon, unprätentiös inszeniert, hervorragendes Handwerk. Auch verbindet sie: eine bestimmte Aura, eine Größe, ein Pathos, eine verborgene Sehnsucht nach etwas, das uns schon lange entschwunden ist. Kino.
Unser Dank gilt Bennet Togler, der drei Filme einführen wird.
FILME:
ANGST ÜBER DER STADT (PEUR SUR LA VILLE)
F/I 1974, R/B: Henri Verneuil; M: Ennio Morricone, D: Jeanpaul Belmondo, Charles Denner, 123 Min., DF
Ein Frauenmörder hält Paris in Atem. Angst und Misstrauen breiten sich aus. Die Polizei steht unter Erfolgsdruck und setzt alle Hebel in Bewegung: Sie überwacht und kontrolliert, übt Druck aus, stellt Fallen. Ein nervöser, temporeicher Thriller, raffiniert aufgebaut und angetrieben von Ennio Morricones Soundtrack. Mittendrin: Jeanpaul Belmondo als beinharter Kommissar. Verneuils Film biete „überdurchschnittlich spannende Unterhaltung“, so Hans Christoph Blumenberg 1975, sei aber auch ein „offenes Plädoyer für einen technokratischen Polizeistaat“. Wir werden sehen!
DER RICHTER, DEN SIE SHERIFF NANNTEN (LE JUGE FAYARD, DIT „LE SHERIFF“)
F 1977, R: Yves Boisset, M: Philippe Sarde, D: Patrick Dewaere, Philippe Léotard, Michel Auclair, 100 Min., DF
Yves Boisset rückt der Wirklichkeit dicht auf die Pelle: Zu dicht für einige Leute und Gruppierungen, die den Regisseur bedrohen, seine Dreharbeiten behindern und die Premiere sabotieren. Anlehnend an den aufsehenerregenden Fall eines 1975 ermordeten Richters aus Lyon erzählt der Film von den Ermittlungen des jungen und mutigen Richters Fayard (fabelhaft: Patrick Dewaere), der eine Allianz von Industriellen, Politikern und Unterweltbossen aufdeckt und dafür mit einer Kugel im Kopf bezahlt. Es ist ein von Korruption unterwanderter Staat, der hier abgebildet wird, ein Staat, an dessen verfilzten Machtstrukturen der Einzelne zerbrechen muss. Ein Labyrinth ohne Ausgang.
NADA
F/I 1973, R: Claude Chabrol, D: Fabio Testi, Maurice Garrel, Lou Castel, 132 Min., DF
In Paris entführt die anarchistische Terroristengruppe „Nada“ den amerikanischen Botschafter aus einem Luxusbordell und versteckt sich danach in einem einsamen Bauernhof. Als ihnen der Geheimdienst auf die Spur kommt, wird das Versteck ohne Rücksicht auf das Leben der Geisel gestürmt und alle Terroristen auf höheren Befehl hin liquidiert. Fanatiker und kaltblütige Mörder, so zeigt Chabrol, gibt es auf beiden Seiten: Der Desperado Diaz (Fabio Testi) und sein Jäger (Michel Aumont) sind eigentlich Geistesverwandte. Ein actionreicher Politthriller, an dessen Ende Verzweiflung herrscht angesichts von Gewalt und Gegengewalt, der Perversion linker Utopien, staatshöriger Medien, mächtiger Strippenzieher und kalkuliert erzeugter Hysterie.
DER LINKSHÄNDER (L’ARBALETE)
F 1984, R/B: Sergio Gobbi, D: Daniel Auteuil, Marisa Berenson, Marcel Bozzuffi, DF
Paris erstickt im Bandenkrieg. Auf den Straßen schlachten sich Gangs der Araber, Vietnamesen und Afrikaner gegenseitig ab. Es geht um Geld, Macht und Drogen. Inspektor Vincent (Daniel Auteuil) ist der „Linkshänder“: früher war er selbst einmal ein Gangster; heute arbeitet er als Undercover-Polizist und baut ein Netz von Informanten auf. Doch von denen wird einer nach dem anderen erschossen. Sergio Gobbis spannender Actionfilm handelt von korrupten Machenschaften in Polizeikreisen. Wie im amerikanischen Cop-Film steht diesem Apparat auch in „Linkshänder“ ein kleiner Straßenbulle gegenüber. Hat er eine Chance?
DER ZWEITE ATEM (LE DEUXIEME SOUFFLE)
F 1966, R: Jean-Pierre Melville, B: José Giovanni, K: Marcel Combes, D: Lino Ventura, Paul Meurisse, Michel Constantin, 117 Min., DF
Melvilles Gangster sind tragische Figuren. Einsam streifen sie durch die Straßen der Stadt, hinter jeder Straßenecke lauert der Tod. Gu (Lino Ventura) ist einer von ihnen. Kaum aus dem Gefängnis entflohen, tötet er die Erpresser seiner Freundin und gerät so ins Visier eines skrupellosen Kommissars. Der verhaftet ihn und lässt Gu durch eine gemeine List als Verräter an seinen Kumpanen dastehen. Wieder bricht Gu aus, diesmal um seine Ehre zu retten. In Melvilles düsterer Ballade bedienen sich Polizei und Gangster derselben Praktiken: Sie üben brutal Gewalt aus und pfeifen auf Anstand und Moral. Diese krude Konstellation geht auf den Roman des Insiders José Giovanni zurück, einem der großen Autoren und Regisseure des französischen Kriminalfilms. „Der zweite Atem“ entstand ganz untypisch für Melville in der Manier der „Nouvelle Vague“, also on-location auf den Straßen von Paris.
WUNSCHFILM: FRANKENSTEIN ’80
I 1973, R: Mario Mancini, D: John Richardson, Gordon Mitchell, Renato Romano, 88 Min., DF
Ob Frankenstein wohl funktionierende Geschlechtsorgane besitzt? Anders als die üblichen Frankensteinverfilmungen, die sich um das Tabu-Thema herumdrücken, scheut dieser italienische Klassiker des Grindhouse-Kinos keine Antwort: Alles beginnt mit einer Mordserie in einer deutschen Stadt, die die Polizei vor Rätsel stellt. Erst als einem Arzt ein Serum gestohlen wird, dass der besseren Verträglichkeit von transplantierten Organen dient, führt die Spur zu Dr. Otto Frankenstein (Gordon Mitchell). Doch das Monster ist bereits aus dem Labor ausgebrochen. Für die schrägen Spezialeffekte zeichnet E.T.-Schöpfer Carlo Rambaldi verantwortlich. Ein wunderbar dreckiges Filmchen.
LA BALANCE – DER VERRAT (LA BALANCE)
F 1982, R/B: Bob Swaim, D: Richard Berry, Nathalie Baye, Philippe Léotard, 102 Min., DF
Auf Verrat steht der Tod. Das weiß der kleine Gauner und Zuhälter Dédé, der in den Straßenkrieg zwischen Drogenbossen und Polizisten im Pariser Arbeiterviertel Belleville hineingezogen und von einem Kommissar zu Spitzeldiensten gezwungen wird. Am Ende: ein Massaker. Erpressung, Hinterhalt und Mord – das sind hier die Methoden der Verbrecher, aber auch der Gesetzeshüter. Regisseur Bob Swaim, der akribisch im Milieu der Dealer und Prostituierten recherchiert hatte, dreht mit Mini-Budget einen so knallharten wie spektakulären Film Noir. Schmutzig, grausam, illusionslos. Ein Lichtblick: Nathalie Baye.
ADIEU, BULLE (ADIEU POULET)
F 1975, R: Pierre Granier-Deferre, M: Philippe Sarde, D: Lino Ventura, Patrick Dewaere, 94 Min., DF
Mitten im heißen Wahlkampf wird ein Plakatkleber ermordet, und die zwei ermittelnden Beamten stoßen auf ein undurchsichtiges Flechtwerk aus Lokalpolitik, Justiz und Polizei. Heftig geraten der alte, knurrige Kommissar (Lino Ventura) und sein junger Assistent (Patrick Dewaere) mit einflussreichen Politikern aneinander. Zwar scheitert am Ende der auch nicht gerade zimperlich geführte Feldzug der beiden Rebellen für die Gerechtigkeit, doch bei aller Resignation bleiben sie unbestechlich – aufrechte, widerspenstige Individuen. Einer der besten Filme des späten Lino Ventura: schlagkräftig und lakonisch wie eh, dabei umweht von einer Mischung aus Heroismus und Melancholie.
DIE ÖFFENTLICHE FRAU (LA FEMME PUBLIQUE)
F 1983, R: Andrzej Zulawski, K: Sacha Vierny, D: Valerie Kaprisky, Francis Huster, Lambert Wilson, 115 Min., DF
Wie es Zulawski nur immer wieder gelingt, so betörend schöne Frauen vor die Kamera zu ziehen! In „Die öffentliche Frau“ ist Valérie Kaprisky eine lebenshungrige Schauspielerin, die in Paris an die falschen Männer gerät. Zunächst an einen Fotografen, der sie am liebsten nackt tanzen lässt, dann an einen brutalen und hysterischen Filmregisseur, dem sie hörig wird – vor der Kamera, auf der Bühne und im Bett. Einen Ausweg bietet sich ihr erst, als sie den unglücklichen Tschechen Milan kennen lernt. Milan ist quasi aus Dostojewskijs Anarchisten-Roman „Die Dämonen“ entlaufen und soll nun einen politisch inspirierten Mord verüben. Andrej Zulawski ist bekannt für die großen Skandale, für radikale und exzessive Bilder. Die surrealen Kompositionen stammen von Sacha Vierny, der auch als Kameramann für Greenaway, Resnais und Buñuel arbeitete.
FLIC STORY
F/I 1975, R: Jacques Deray, P: Alain Delon, K: Jean-Jacques Tarbès, D: Alain Delon, Jean-Louis Trintignant, 108 Min., DF
Das Jahr 1947. Der Bulle Borniche (Alain Delon) hat nur ein Ziel: Den gerade aus dem Gefängnis entflohenen Psychopathen Emile Buisson (Jean-Louis Trintignant) wieder dahin zurück zu bringen. Während Buisson grausam über die Stränge schlägt, raubt, schießt und mordet, treibt den kleinbürgerlichen Pedanten Borniche das Ideal der Gewaltlosigkeit an. Je rücksichtsloser der eine, desto besessener der andere von seiner Mission. Zwei Männer, zwei Seiten einer Medaille: Eine moderne Variante von Dr. Jekyll und Mister Hyde? Spitzenhandwerker Jacques Deray, dessen „Flic Story“ auf der Autobiografie von Roger Borniche basiert, inszeniert authentisch, hart und kompromisslos. Zwei Stars im Duell.
WEIHNACHTSFILM: IS THERE SEX AFTER DEATH?
USA 1971, R/B/P: Alan und Jeanne Abel, D: Alan Abel, Buck Henry, Robert Downey Sr., 97 Min., amerikanische Originalfassung
Wie geht es eigentlich nach unserem Tod mit dem Sex weiter? Diese Frage treibt Dr. Rogers um, der mit seinem Sexmobil durch Amerika reist und die Meinung der verschiedensten Leute sammelt. Er trifft Pornoregisseure, Schriftsteller, Originale – darunter den aus Warhols Filmen berühmten Transvestiten Holly Woodlawn. Doch es bleibt nicht bei Fragen und Meinungen, denn Dr. Rogers will mehr: Er macht praktische Laborversuche, stellt Thesen auf und prüft. Eine irre Dokumentarfilmfiktion voller seltsamer Komik. Und eine Ausgangsfrage, die unsere Jenseitserwartung ja wohl nicht ganz unberührt lässt.
I WIE IKARUS (I… COMME ICARE)
F 1979, R/P: Henri Verneuil; M: Ennio Morricone, D: Yves Montand, Michel Etcheverry, Jacqueline Staup, 127 Min., DF
Nach der Ermordung des Präsidenten ahnt Generalstaatsanwalt Henri Volney (Yves Montand), dass am Abschlussbericht der Untersuchungskommission etwas faul ist: Das war nicht die Tat eines Psychopathen. Vielmehr steckt ein kompliziertes politisches Komplott dahinter. Nun gerät Volney ins Fadenkreuz. Henri Verneuils packender Politthriller spielt zwar in einem imaginären Land der Gegenwart, nimmt aber Bezug auf das Kennedy-Attentat von 1963 und die nutzlos gewordene, militante Ex-Algerien-Miliz S.A.C. Die Süddeutsche Zeitung schreibt 1980: „I wie Ikarus balanciert an der Grenze von Utopie und Wirklichkeit. Verneuil hat die Angst aus seinen politischen Tagträumen zu einem erschreckenden, bösen, traurigen Kinofilm verarbeitet.“
RETTE DEINE HAUT, KILLER (POUR LA PEAU D’UN FLIC)
F 1981, R/B/P: Alain Delon, D: Alain Delon, Anne Parillaud, Michel Auclair, 94 Min., DF
Melville nannte Delon den letzten großen Star. Diesen Nimbus pflegte Delon oft in Personalunion als Hauptdarsteller, Co-Autor und Produzent. Bei dem Actionthriller „Rette Deine Haut, Killer“ (1981), den er Melville widmete, führte er das erste Mal Regie. Der Ex-Bulle und Privatdetektiv Choucas (Delon) bekommt einen kleinen Auftrag und sieht sich bald einem geheimnisvollen Rauschgiftring aus Gangstern, Nazi-Ärzten und ehemaligen Kollegen gegenüber. Zum Selbstverständnis eines Stars trägt der Film mehr bei als alle Interviews der Welt, so Eckhart Schmidt 1982: „Delon sieht sich, glaubt man ihm als Autor und Regisseur, als einsam in einer feindlichen Welt agierender Wolf, der für die geringste menschliche Regung blutig bezahlen muss und deshalb gelernt hat, auch gegen den Verkehrsstrom und über Leichen zum Ziel zu kommen.“
WUNSCHFILM: AVANAIDA – TODESBISS DER SATANSVIPER (SPASMS)
Kanada 1984, R: William Fruet, D: Peter Fonda, Oliver Reed, 90 Min., DF
Jason Kincaid (Oliver Reed) hat telepathischen Kontakt zu einer Riesenschlange, die von den Eingeborenen auf Neu Guinea als Göttin verehrt wird. Er erinnert sich, dass er vor Jahren auf einer Insel von einer Schlange gebissen wurde. Also bringt er das Monster zusammen mit dem Parapsychologen Dr. Brasilian (Peter Fonda) nach Kanada. Und das große Fressen beginnt. Horror-Ikone William Fruet inszeniert diesen liebenswerten, gorigen und leider unterschätzten Exploitationfilm, von dem das Gerücht kursiert, dass kurz vor Drehende das Geld ausgegangen sei. Der schmuddelige Monsterschlangen-Trip hat einen Soundtrack von Tangerine Dream.
DOG DAY (CANICULE)
F 1983, R: Yves Boisset, B: Jean Herman, Michel Audiard, D: Lee Marvin, Miou-Miou, David Bennent, 97 Min., DF
Eigentlich sitzt Jimmy Cobb schon in der Falle. Doch obwohl ihn die Polizei im Visier hat, kann er nach einem leichenreichen Überfall entkommen und sich mit der Beute auf einem Bauernhof in der französischen Provinz verkriechen. Während eine Großfahndung läuft, eine Armee von Polizisten aufmarschiert und sich die Schlinge um Cobbs Hals unaufhaltsam zuzieht, macht er die Bekanntschaft der Bauern: Er trifft auf Gier, Eifersucht, Sadismus und Nymphomanie. Eine Orgie der Gewalt setzt ein. Der alte Gangster, kalt und trocken gespielt von Lee Marvin, findet sich unter Perversen wieder: Eine schwarzhumorige Parabel, bitterbös und ausweglos.