2. EUROPÄISCHES EXPLOITATIONKINO DER 60ER UND 70ER JAHRE
Das zweite Programm der “Freunde des schrägen Films” widmet sich dem europäischen Exploitation- und Genrefilmen der 60er und 70er Jahre. Zu entdecken sind billig und unabhängig produzierte Filme mit schrillen Titeln, die sich inhaltlich und formal vom Mainstream abheben. Sie tauchen in die Untiefen der populären Kultur ein und fassen Fantasien, Ängste und Wünsche auf ganz eigene Weise in Stimmungen, Bilder und Töne, die sich im Gedächtnis des Betrachters festkrallen.
Die Filme bedienen sich dabei unterschiedlicher Genreformeln und Klischees, wie die Auswahl mit Beispielen des Science Fiction-Films, des
Zombiefilms, des Vampirfilms, des Thrillers und des erotischen Films zeigt. Wie im Exploitationkino üblich, pflegen die Filme durchaus kannibalische Beziehungen zu ihren Artgenossen: Die Übernahme von Ideen und Motiven und deren Variation und „Zitat“ (unfreundlich formuliert: deren Plagiat) sind Konstruktionsprinzipien vieler Filme. Berühmte Vorbilder schimmern deshalb auch dort durch, wo es niemand erwartet. Am Beispiel von Mario Bava und Jess Franco lenkt die Auswahl der Filme den Blick darauf, dass das europäische, genauer noch: das westeuropäische Exploitationkino der 60er und 70er Jahre oftmals keine nationale Angelegenheit ist. Im Gegenteil entstehen die meisten Filme als Koproduktionen, an denen sich Firmen aus unterschiedlichen Ländern beteiligen.
Auch die Verpflichtung von Mitarbeiter findet selbstverständlich grenzüberschreitend statt: Rob Houwer, der Produzent von TÜRKISCHE FRÜCHTE, hat sich zunächst in Deutschland einen Namen gemacht, in dem spanischen Film TÖDLICHE BEFEHLE AUS DEM ALL spielen Schauspieler aus Australien und England die Hauptrollen, und in dem englischen Film VAMPYRES führt ein Spanier Regie. Früher als das etablierte Kino in Europa, das aus nationalen Traditionen und Fördertöpfen schöpft und um Fragen von Kunst, Kultur und Identität kreist, überwindet das Exploitationkino die Grenzen und begreift die Populärkultur als eine willkommene Schnittmenge. Die Populärkultur erscheint als ein internationales Phänomen, als Zeichen des Aufbruchs und des Zusammenwachsens.
Hinter Filmen stehen Regisseure; sie erst geben den Filmen ihr unverwechselbares Gesicht. Im Bereich des Exploitationkinos mit seinen schmalen Budgets, kurzen Drehzeiten und nicht immer erstklassigen Drehbüchern und Schauspielern ist die Persönlichkeit und Kreativität des Regisseurs viel stärker gefragt und deshalb auch erkennbarer als im Mainstreamkino. Neben Routiniers wie Mario Bava, Jess Franco und Jean Rollin, deren Status als Autoren heute keinem Zweifel mehr unterliegt, steht mit Paul Verhoeven ein Filmemacher, der Jahre später zum Regie-Star in Hollywood aufsteigt.
TERRORE NELLO SPAZIO / PLANET DER VAMPIRE
(Italien/Spanien 1965, R/B: Mario Bava, 86 Min.)
Ehre, wem Ehre gebührt! In einer Reihe europäischer Exploitationfilme muss der Italiener Mario Bava am Anfang stehen. Er ist der kreativste,
professionellste und einflußreichste europäische B-Filmer der 60er Jahre. Seine Werke – darunter Thriller, Western und Erotikfilme -zeichnen sich durch intelligente, farbenprächtige und bildgewaltige Inszenierungen aus, die die kleinen Budgets vergessen lassen. Die Produzenten rühmen Bavas Sparsamkeit und große Effizienz. Seine Meisterschaft beweist Bava im Genre des Horrorfilms. Hier schafft er stilbildende, ebenso stimmungsvolle wie spannende Filme, die später von Kollegen wie Tim Burton, Ridley Scott und Quentin Tarantino bewundert und kopiert werden. In PLANET DER VAMPIRE landet die Besatzung eines Raumschiffs auf einem unbekannten Planeten. Alles geht schief: Die Technik versagt, nach und nach stirbt die Crew, die Reise entwickelt sich zu einem Alptraum. Die Bewohner des Planeten leisten ihren Beitrag dazu. Virtuos verbindet Bava Elemente des Horrorfilms und der Science Fiction zu einem düsteren Abgesang auf die Zivilisation. Ein schöner, schauriger, berührender Film.
SIE TÖTETE IN EKSTASE
(BRD/Spanien 1970, R: Jess Franco, D: Soledad Miranda, 77 Min.)
Jess Franco hat in den letzten 45 Jahren über 150 Spielfilme in allen erdenklichen Genres gedreht. Wer kann sagen, welcher davon der schrillste, der schrecklichste, der sehenswerteste ist? Zweifellos gehört aber SIE TÖTETE IN EKSTASE zu den schönsten Franco-Filmen: Er schwelgt in gewollt künstlerischen Einstellungen, und lebt von seinen Dekors, seinem 70s Style, seinen Jazz-Rhythmen. Und natürlich von den feurigen Blicken der femme fatale Soledad Miranda, die hier den Tod ihres Mannes rächt.
Hans Schifferle schreibt in der „Süddeutschen Zeitung“ über Franco, den „grandiosen Pulp-Surrealisten und Cinemanen“: „Jeder seiner Filme ist unverwechselbar, jeden durchzieht eine düstere Erotik und eine an Narretei grenzende Verspieltheit. Franco ist ein auteur und ein poète maudit des erotischen Horrorkinos. Fetischismus und Voyeurismus interessieren ihn, der Zusammenhang von Sex und Tod, von Angst und Begierde, von Lust und Terror. Das Ritual liebt Franco mehr als Psychologisierung, Atmosphäre ist ihm wichtiger als Handlungslogik, das Fantastische zieht er dem Erklärbaren vor. Und das Kino ist für ihn immer mehr als ein einzelner Film.“
DAS LUSTSCHLOSS DER GRAUSAMEN FRAUEN / LA VAMPIRE NUE (DIE NACKTEN VAMPIRE)
(Frankreich 1969, R: Jean Rolllin, 85 Min.)
Der seltsamste und sperrigste Film unserer Reihe. Jean Rollin, der französische Spezialist für Vampire, Sex und Fetischismus, präsentiert in seinem zweiten Werk eine absolut krude Mischung aus Genrezitaten und surrealistisch anmutenden, elliptisch montierten Szenen. Die Avantgardismen auf der Tonspur tragen zum bizarren Gesamteindruck bei. Ein paar ältere, größenwahnsinnige Wissenschaftler suchen nach der ewigen Jugend und experimentieren zu diesem Zweck mit einem schönen, unschuldigen Vampir, den sie gefangen halten. Das Blut, das der Vampir braucht, beschaffen sie sich in einem Klub von Selbst mör dern. Ein Eindringling droht das Geheimnis zu lüften. Doch der Plot ist nur ein Alibi. Der Regisseur verweigert sich den Regeln des Erzählkinos und schwelgt statt dessen in symbolgeladenen, kollagenhaften Kompositionen, in Farben und Klängen, in Bewegungen und Stimmungen.
TÜRKISCHE FRÜCHTE / TURKS FRUITS
(Niederlande 1973, R: Paul Verhoeven, 107 Min.)
Wenn ein Film ganz offiziell durch ein Festival als der beste niederländische Film des Jahrhunderts ausgezeichnet wird und zudem noch eine Oscar-Nominierung auf dem Konto hat, dann sagt die Erfahrung: Das kann kein guter Exploitationfilm sein. Der Name des Regisseurs sollte aber stutzig machen. Paul Verhoeven ist nämlich einer der wenigen Vertreter eines Kinos, das Exploitation und teuren Mainstream in Hollywood zusammenbringt. Die drastisch inszenierten, familienunfreundlichen Gewalt- und Sexphantasien von TOTAL RECALL bis BASIC INSTINCT sprechen für sich.
TÜRKISCHE FRÜCHTE ist ein ebenso eindringlicher wie harter Liebesfilm, der von heftig ausbrechendem Begehren und Freiheitsdrang, vom Wechsel der Gefühle, von Verzweiflung, Haß und Gewalt erzählt. Verhoeven hatte dabei ausgezeichnete Mitarbeiter: Hervorragend sind Rutger Hauer und Monique van de Ven, die eine amour fou verbindet. Der Kameramann Jan de Bont läßt Amsterdam so cool und sexy aussehen wie London in den 60ern.
QUIEN PUEDO MATAR A UN NINO? / SCREAM, TÖDLICHE BEFEHLE AUS DEM ALL
(Spanien 1976, R: Narciso Ibanez Serrador, 102 Min.)
TÖDLICHE BEFEHLE AUS DEM ALL ist ein vergessenes Meisterwerk. Der Film ist gediegen inszeniert, gut gespielt, spannend, mit kalter Gelassenheit erzählt und in seiner grausamen Konsequenz höchst beklemmend. Ein junges Ehepaar will auf einer kleinen spanischen Insel Urlaub machen, die wie ausgestorben scheint. Nur einige Kinder zeigen sich. Nach einer Weile begreift das Paar, dass die Kinder für das Verschwinden der Erwachsenen verantwortlich sind. Eine Jagd beginnt.
Der Regisseur Ibanez Serrador verzichtet auf grobe Effekte und setzt statt dessen auf Stimmungen, den Kontrast zwischen Idylle und Horror, auf das Entsetzen, das dem Erkennen folgt. Die Verehrung von Hitchcocks THE BIRDS und Romeros Zombiefilmen ist spürbar; das Ende erinnert an Cronenbergs SHIVERS. Doch Ibanez Serrador formt seine Vorbilder virtuos um und beweist ein ganz eigenes Stil bewusst sein. Daß er wenig später seine Kinolaufbahn beendete und sich im spanischen Fernsehen mit Game-Shows einen Namen machte, lässt einen Cinephilen traurig verstummen. „Ein unglaublich guter Film, den ich sehr liebe, wirklich hervorragend“, sagt Jess Franco, für den der Vater von Ibanez Serrador einmal einen Vampir gespielt hatte. Wem ein Lob aus Francos Mund suspekt vorkommt, dem sei versichert: Der Mann hat recht.
VAMPYRES / DAUGHTERS OF DRACULA
(GB 1975, R: José Ramon Larraz, D: Marianne Morris, Anulka Dziubinska, 87 Min.)
In den 70er Jahren erklimmen lesbische Vampire die Leinwand. Die verschiedensten Regisseure üben sich in diesem Genre, darunter Harry Kümel, Jess Franco und Jean Rollin. Das schönste Beispiel ist VAMPYRES von José Larraz. Dieser englische Film ist auch deshalb ein Geheimtip geblieben, weil sein spanischer Regisseur in Vergessenheit geraten ist. Zwei Frauen, die sich lieben, werden von einem eifersüchtigen Mann getötet. Als Untote leben sie weiter und saugen abenteuerlustige Männer aus.
Ein gewöhnlicher Genrefilm? Mit dem hohen „Sex-and-Gore-Quotienten“ erfüllt Larraz eine Bedingung des Produzenten, doch was den Film prägt, ist seine düstere, delirierende Stimmung. Sie erinnert an einen schwülen Fiebertraum. VAMPYRES knüpft an die Tradition der englischen Hammer-Produktionen an und treibt sie an eine Grenze. Der Plotaufbau tritt zugunsten des Geheimnisvollen zurück. Wesentlich sind: Sex und Tod, Lust und Gewalt. Grandios in seiner Ökonomie ist das Zusammenspiel der weiblichen Hauptdarsteller: Marianne Morris und Anulka Dziubinska. Schön, fesselnd, fatal.