19. HITLERS RESTERAMPE
Hitlers Resterampe oder: The Nazi Horror Picture Show
Adolf Hitler. Superschurke, Teufel, König des Ramschladens. Niemand vereint soviel Screen Time auf sich. Ein modernder Mythos, ohne den die Welt besser und die Populärkultur ärmer wäre. Öffentlichrechtlicherseits wurden wir aufgeklärt über Hitlers Generäle, Frauen, Helfer usw. usw., nicht zu vergessen und schon ironisch „Hitlers Hitparade“. Übrig bleiben all die Eruptionen, die Hitler und die Nazis im Reich der Fantasie hinterlassen haben: Die Aufhebung der Grenzen zwischen Realität und Fiktion, perverser Idee und Tat, die Schiller lesenden KZ-Ärzte, Schubert spielenden Sadisten, peitschenschwingenden Wärterinnen, die Menschenexperimente, der industrialisierte Mord, die Totenkopfabzeichen, Rituale, das ganze fetischistische Getue, Sex, Quälerei, Pornografie.
Von Chaplin, Lubitsch und Disney bis Monty Python, Benigni und Levy ist die populäre Kultur überreich an Unternehmungen, Hitler lächerlich zu machen, einen Exorzismus zu betreiben und die Macht der Horrorbilder zu bannen. Fast unmöglich ist es, diese Anliegen zu trennen von denen, die mit Hitlers Ruhm und Schrecken kommerzielle Interessen verbinden. So bekommt der Mainstream gar nicht genug von heroischen oder zynischen Actionfilmen mit Weltkriegskolorit, von wackeren Abenteurern wie Indiana Jones und Lichtgestalten à la Stauffenberg. Neben Kunstfilmen von Pasolini, Schlingensief und Co. markiert das ungehörige Exploitationkino ein anderes Extrem des Ausschlachtens. Im Angebot von „Hitlers Resterampe“, dem Wühltisch der Geschichte, sind blonde SS-Frauen und irre Ärzte, Spione und Rassisten, Nazi-Zombies und Comic-Superhelden. Die Opfer bleiben meist Attrappe. Manche dieser Werke pflegen den Modus des Bierernsts, andere sind sich ihres Nichtkorrektseins wohl bewusst oder bereits hemmungslos parodistisch überdreht.
Unsere Reihe präsentiert ein Panoptikum des Sonderbaren von den 40er bis in die 80er Jahre. Während Jörg Buttgereit mit „Captain Berlin versus Hitler“ gerade eine Synthese der Naziploitation vorschlägt, spüren wir in den feuchten Kellern der Filmgeschichte weiter Themen und Motiven nach und tasten uns vor in die Grenzbezirke jenseits von gutem Geschmack und Peinlichkeit. Skizziert wird eine Kulturgeschichte von unten, die einst Teil des Kinos war mit all seiner Exzentrik, seiner Freiheit der Imagination, seinem Hunger nach Publikum. Dem Fernsehen blieb das fast durchweg verschlossen, und auch die Masse an DVDs wird nie das Gruppenerlebnis im dunklen Kinosaal ersetzen können. Dieses Erlebnis treibt auch uns an und lässt uns die Filme mit Spannung erwarten. Unser großer Dank gilt unseren Referenten Sonja Schultz, Rolf Giesen und Jens Meinrenken.
Eine Filmreihe von Jürgen Dittrich und Philipp Stiasny
Filme:
Vorfilm: HITLER LIVES (USA 1945, R: Don Siegel, 16mm, OF, 15 Min)
SHOCK WAVES / DIE SCHRECKENSMACHT DER ZOMBIES
(USA 1976, R: Ken Wiederhorn, D: Peter Cushing, Brooke Adams, John Carradine, 35mm, DF, 90 Min.)
Im Krieg lässt die SS heimlich eine Spezialeinheit unbesiegbarer Zombies heranzüchten, die danach einfach in Meer versenkt werden. 30 Jahre später katapultiert ein Seebeben die Untoten wieder an die Oberfläche, und sie beginnen unkontrolliert zu morden. Nicht einmal ihr alter SS-Kommandant (Peter Cushing) kann sie stoppen. Ken Wiederhorn inszeniert diese so krude wie elektrisierende Mischung aus Horrorfilm und Naziploitation mit ungewöhnlicher Fantasie und Gefühl für absonderliche Stimmungen und kraftvolle Bilder. Vorher warnt das obskure Frühwerk „Hitler lives“ des legendären Don Siegel („Dirty Harry“) mit gehöriger Wut im Bauch vor der Unterwanderung Amerikas durch Hitler und seine Nazibande.
SPY SMASHER RETURNS
(USA 1942/1966, R: William Witney, D: Kane Richmond, Hans Schumm, Marguerite Chapman, 16mm, OV; 100 Min.)
Einführung: Dr. Rolf Giesen
Mit allen Mitteln wollen die Nazis Amerika zerstören. Ihr diabolischer Agent „The Mask“ lässt das Land mit Falschgeld überfluten und Sabotageakte verüben. Sein Widersacher ist Spy Smasher. Nachdem dieser All-American Boy im besetzten Frankreich gerade erst der Hinrichtung durch die Nazis entgangen ist, tritt er nun zum Kampf gegen die Mächte des Bösen an. Basierend auf einem Superhelden-Comic schuf das Poverty Row-Studio Republic mit „Spy smasher“ eines der erfolgreichsten und besten Serials überhaupt: actiongeladen, temporeich und voller atemberaubender Cliffhanger. Sein heute vergessener Regisseur war der ungeheuer produktive William Witney, den Quentin Tarantino als den „Howard Hawks des B-Films“ verehrt.
RUSS MEYER’S UP
(USA 1976, R/P/B/K/Schnitt: Russ Meyer, D: Raven de la Croix, Kitten Natividad, 35mm, DF, 80 Min.)
In Sichtweite von Schloss Neuschwanstein lebt Adolf Schwartz alias Adolf H. und frönt ausgiebig seinen masochistischen Neigungen. Kaum entspannt er sich in der Badewanne bei flotter Marschmusik und der Lektüre der „Zeit“, da steht sein Mörder vor ihm. Wer aber ist es? Eine Sexgespielin, die fremde Karatekämpferin mit beängstigender Oberweite oder der Irre mit der Kettensäge? Oder doch Eva Braun Junior? Eine überschäumende Sexfarce in ländlicher Umgebung, die die weiblichen Rundungen vergöttert und männliche Einfalt verspottet, dargeboten mit dem berüchtigten Russ Meyer-Touch: schrillen Kameraeinstellungen, saftigen Montagen und einem griechischen Chor, der nackt auf einem Baum sitzt und alles kommentiert. Russ Meyer at his very best!
THE FROZEN DEAD
(GB 1967, R: Herbert J. Leder, D: Dana Andrews, Anna Palk, 16mm, OF, 93 Min.)
Ein teuflischer Plan: Dr. Norbert friert nach dem Krieg 1500 hochrangige Nazis ein und versteckt sie in Kühlschränken. Nun sollen sie unter der Aufsicht des Arztes zu Killermaschinen programmiert werden. Das neue Dritte Reich steht kurz bevor, doch die Gehirne der Untoten funktionieren nicht so, wie sie sollen. Die nicht ganz kleine Gruppe von Filmen, in denen sich Hitlers konserviertes Gehirn zum Weltherrscher aufschwingt, wird durch „Frozen Dead“ um einige alptraumhafte Wendungen bereichert – auch dank des dunklen Schwarzweiß’ und der Schreie der Scream Queen Anna Palk. Und wie alle britischen Filme ist auch dieser mit einer gehörigen Portion Humor garniert.
THREE THE HARD WAY
(USA 1974, R: Gordon Parks Jr., D: Fred Williamson, Jim Brown, Jim Kelly, 16mm, OV, 93 Min.)
Nazis und Grooves! „Three the hard way“ ist neben „Black Gestapo“ (1975) das zweifellos seltsamste Beispiel für die Kreuzung von Blaxploitation und Naziploitation. Hier bekommen es drei immens coole schwarze Superhelden und mit einer Nazi-Organisation zu tun, die alle Afroamerikaner durch vergiftetes Grundwasser ausrotten will und über eine eigene SS-Truppe verfügt. Action und Adrenalinschübe sind garantiert, auch fliegende Fäuste, Verfolgungsjagden und drei Schönheiten, die sich als Folterknechte verdingen. Wie stets geht es nicht zuletzt um schwarzen Lifestyle, breite Koteletten und fetten Sound. „One of the most outrageous black action movies.“ (Michael Weldon)
http://wayward-cloud.blogspot.com/2009/01/blaxploitation-jingles-wie-das-radio-fr.html
Wunschfilm: RAUMSCHIFF TERRA ZUM PLANET DER AFFEN
(Italien 1965, R: Pietro Francisci, 35mm, DF, 84 Min.)
Die Nazis unserer Reihe haben eines gemeinsam: Sie sind fies, brutal und ungehobelt, am Ende entgehen sie ihrer gerechte Strafe nicht. Ganz anders unser Wunschfilm: Außerirdische kommen vom Planeten Gamma zur Erde, um den bevorstehenden Atomkrieg zu verhindern, werden aber schnell entdeckt und müssen fliehen. Mit Prof. Solmi und seiner bezaubernden Tochter Louisa als Geiseln kommen sie zu einem Planeten, dessen Bewohner gewalttätige Affen sind. Sandalenfilmer Pietro Francisci dreht diese Low Budget-Space Opera mit wenig Aufwand und viel Herzblut. Bunte SciFi-Fantastik und aus Japan importierte Spezial-Effekte, veredelt durch die Bach-Kolportagen von Nico Fidenco, dem melodischen Untermaler aller Kannibalenfilme: Möge die Macht mit uns sein!
ILSA
(Kanada 1974, R: Don Edmonds, D: Dyanne Thorne, 35mm, OF, 92 Min.)
Einführung: Sonja Schultz
Ilsa Holzer regiert ihr Camp mit eiserner Hand. Bewaffnet mit Spritze, Peitsche und Pistole verbreitet sie Angst und Schrecken unter den Häftlingen, Sex und Gewalt regieren. Als sie den Reizen eines gutgebauten jungen Amerikaners verfällt, ist das der Anfang vom Ende. „Ilsa“ ist der Klassiker der Naziploitation und mit Dyanne Thorne kongenial besetzt. Er knüpft an bei den israelischen Stalags-Heftchen der frühen 60er Jahre über teuflische SS-Wärterinnen, die sich sexuell an Häftlingen vergehen, sowie an Lee Frosts berüchtigtem „Love Camp 7“, der mit schmutzigen Fantasien die Leinwand erobert. Eine effektvolle Mischung aus Lagerfilm, WIP, Sexploitation, Mad Scientist- und Maniac-Film. Warum aber gerade die hygienefanatischen Nazis zu Lieferanten erotischer Bilder werden konnten, bleibt wohl ein Geheimnis.
DIE TEUFLISCHEN ENGEL / THE GLORY STOMPERS
(USA 1967, R: Anthony M. Lanza, D: Dennis Hopper, 35mm, DF, 84 Min.)
Wenn die Rocker der amerikanischen Bikerfilme den Westen terrorisieren, behängen sie sich mit Vorliebe mit Nazi-Symbolen und militärischen Orden und tragen Wehrmachtshelme. So auch Dennis Hopper, der zwei Jahre vor EASY RIDER in DIE TEUFLISCHEN ENGEL einen wahrlich verkommenen Anführer einer Motorradgang spielt: Als er die Freundin seines Rivalen kidnappt und in Mexiko als Sklavin verkaufen will, kommt es hart auf hart. Unendliche Weite, Action, Hippiemusik.
SALON KITTY
(BRD/It/Fr 1975, R: Tinto Brass, Ausstattung: Ken Adam, D: Helmut Berger, Ingrid Thulin, Teresa Ann Savoy, 35mm, DF, 106 Min.)
Zwanzig stramme deutsche Mädchen steigen für Führer, Volk und Vaterland ins Bett. Eingeschleust in das Berliner Edelbordell Salon Kitty, lassen sie vor hochrangigen Militärs und Diplomaten die Hüllen fallen und spionieren deren Systemtreue aus. Die SS hört alles mit. Bis die Mädchen rebellieren. Der aufwendig und üppig inszenierte, dabei sehr freizügige „Salon Kitty“ entsteht im Italien der 70er Jahre im Fahrwasser von Viscontis „Die Verdammten“(1969), einem ambitionierten, provokanten Film über Faschismus, Macht und Sexualität. Tinto Brass hat andere Interessen: Er kann sich am Kontrast zwischen schwarzen SS-Uniformen und nackter weißer Haut nicht satt sehen. „Zu Viscontis komplexem Meisterwerk verhält sich ‚Salon Kitty’ wie eine Toilettenkritzelei zu Thomas Manns gesammelten Werken“, schreibt Hans C. Blumenberg. Jetzt sind wir mal gespannt!
Double-Feature mit Überraschungsfilm
TARZAN TRIUMPHS / TARZAN UND DIE NAZIS
(USA 1943, R: William Thiele, D: Johnny Weissmüller, Francis Gifford, 16mm, OV, 76 Min.)
Einführung: Jens Meinrenken
Nicht mal die Affen werden in Ruhe gelassen. Mitten im Dschungel fällt Tarzan ein deutscher Soldat auf den Kopf, aber er denkt sich nichts Schlimmes und pflegt den abgestürzten Piloten. Da rollt bereits ein ganzes Nazi-Kommando an und entführt seinen Sohn. Jetzt platzt Tarzan der Kragen, und er erklärt Hitler den Krieg. Wie die Comic-Helden Spy Smasher, Captain America, Donald Duck und Wonder Woman beteiligt sich auch Tarzan an der Anti-Nazi-Propaganda: Sie vereint Abenteuer, patriotische Ansprache und Witz – sogar der Schimpanse Cheeta darf Hitler veräppeln. Nicht weniger kurios ist auch unser Überraschungsfilm, in dem die Nazis im Kampf gegen die Superheldin einen hypnotisierten Gorilla als Mordwerkzeug missbrauchen.
CRAWLSPACE
(USA 1986, David Schmoeller, D: Klaus Kinski, 35mm, OV, 82 Min.)
Die Nazis sind lange besiegt und mausetot, doch ihr Erbmaterial lebt weiter. Diesmal rumort es in Dr. Karl Gunther, dem Sohn eines KZ-Arztes. Klaus Kinski spielt den Wolf im Schafspelz, der seine alte Villa großzügig an junge Schauspielerinnen vermietet. Die schönen Damen fühlen sich wohlbehütet, doch abends wird der Hausherr von seinem Schicksal eingeholt, und er muss foltern und morden. Dem virtuosen Horror-Regisseur David Schmoeller genügen wenige Effekte, um die Stimmung anzuheizen und den Zuschauer erschaudern zu lassen. Seine moderne Version von Dr. Jekyll und Mr. Hyde gehört zu den besten.
SHE DEMONS
(USA 1958, R: Richard E. Cunha, D: Irish McCalla, Rudolph Anders, Tod Griffin, 16mm, OV, 80 Min.)
Die fabelhaft blonde Jerrie (Irish McCalla aka Sheena, Queen of the Jungle) verläuft sich auf einer tropischen Insel und gerät in die Fänge finsterer Nazis, die exotische Tänzerinnen auspeitschen und an ihnen herumexperimentieren. Bald liegt auch Jerrie festgeschnallt auf dem Operationstisch des wahnsinnigen Colonel Osler. Wird sie ihn bezirzen können? Wie steht es mit weiblicher Solidarität unter Monstern? Und was ist mit dem Vulkan der Insel? Die einen zählen Richard Cunhas Low Budget-Quickies nicht ohne stille Hochachtung zu den schlechtesten Filmen aller Zeiten. Die anderen verehren sie: „Like most truly wonderful films, ‚She Demons’ is a combination of the sublimely ridiculous and the unusually imaginative.” (Jim Morton)
HARD ROCK ZOMBIES
(USA 1984, R: Krishna Shah, D: E.J. Curcio, Geno Andrews, Sam Mann, 35mm, DF, 89 Min.)
Und zum guten Schluss macht eine lausige Heavy Metal-Band Station in einem kleinen Kaff. Zu spät bekommen die Musiker mit, dass ihr Gastgeber Hitler heißt und die Frau im Rollstuhl Eva Braun und beide nichts Gutes im Schilde führen. Allesamt werden sie von Gnomen in SS-Uniform umgebracht. Als Untote kehren die Hard-Rocker zurück und nehmen furchtbare Rache. Ein letztes Mal erklimmen sie die Bühne, rocken richtig los und schicken Hitler, seine Ghouls und Gehilfen zum Teufel. Slogan: „Aus dem Grabe gelockt wird gezombt und gerockt und die Menschheit geschockt.“ Ein Manifest des schlechten Geschmacks: grell komisch, knallhart absurd, unbeschreiblich anders.