1. AMERIKANISCHES EXPLOITATIONKINO DER 70ER JAHRE

Die erste Staffel von Filmen widmen wir dem amerikanischen Exploitationkino der 70er Jahre. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umbrüche und der schmerzhaften Auseinandersetzung mit dem Trauma Vietnam sorgen unabhängig produzierte Filme für eine Revolution auf dem Kinomarkt.
Junge und aufstrebende Regisseure drehen radikale Filme, unter ihnen
George Romero, Wes Craven, David Cronenberg, John Carpenter und Abel Ferrara. In schmuddeligen Genres leben sie ihre Träume von einem aggressiven und widerspruchsvollen, effektreichen und zitierfreudigen Kino aus. Sie machen Horror- und Rape-Revenge-Filme, Blaxploitation und Sexploitationfilme. Auch wenn ihre Filme zuerst als Angriffe auf den guten Geschmack erscheinen, so steckt doch mehr dahinter. Die Monster, Racheengel und verkrüppelten Seelen, die diese Filme bevölkern, sind Auswüchse einer Gesellschaft in der Krise.

 

THE HILLS HAVE EYES / HÜGEL DER BLUTIGEN AUGEN

(Regie: Wes Craven, D: Michael Berryman, Susan Lanier, USA 1977, 89 Min.)

Bevor der ehemalige Universitätsdozent Wes Craven in den 80ern und 90ern als Regisseur der Freddy Krueger-Serie und der Scream-Serie die Alpträume von Jugendlichen ausschlachtete und damit reich und berühmt wurde, machte er mehrere kleine, dreckige Low-Budget-Filme. THE HILLS HAVE EYES ist der radikalste von Cravens frühen Horrorfilmen. Die Parabel ist düster: Irgendwo in der amerikanischen Einöde machen sozial deklassierte Monster Jagd auf die satten und zufriedenen Mitglieder einer Familie aus der Mittelschicht. Dabei werden sich die Guten und die Bösen, die Angreifer und die Angegriffenen immer ähnlicher. Craven inszeniert das mit Freude am
Schockeffekt und rabenschwarzem Humor.

 

COFFY / COFFY, DIE RAUBKATZE

(Regie/Buch: Jack Hill, D: Pam Grier, USA 1973, 87 Min.)

Pam Grier ist Coffy, eine schwarze Krankenschwester, die gnadenlos unter Drogenhändlern und korrupten Politikern aufräumt. Sie ist unglaublich sexy und unglaublich wütend. In diesem Klassiker des Blaxploitation-Genres verknüpft Jack Hill, ein Schüler von Roger Corman, die Idee eines neu erwachten afroamerikanischen Selbstbewußtseins mit einer Geschichte über weibliche Resistenz.
Der Unterschied zum Frauenbild des Mainstream-Kinos fällt sofort ins Auge: Dort spielen Frauen die Rolle der femme fatale oder des girlie, der Hausfrau oder der guten Kameradin. Hier ist die Frau dagegen eine Rächerin, zielstrebig, schlagfertig und unromantisch. Sie ist die legitime Schwester von Dirty Harry. Der politische und gesellschaftliche Hintergrund bleibt in COFFY stets präsent. Das gilt auch für das besondere Lebensgefühl: Mit seinem lässigen Soundtrack von Roy Ayres und seiner geschmeidigen Kamera ist der Film zugleich cool, funky und sehr stylish.

 

MS. 45 / DIE FRAU MIT DER 45ER MAGNUM

(Regie: Abel Ferrara, D: Zoë Tamerlis, USA 1981, 80 Min.)

Eine junge Frau wird vergewaltigt. Sie tötet ihren Peiniger und verwandelt sich danach in einen männermordenden Racheengel, der die nächtlichen Straßen von New York unsicher macht.
Wie aus einer verängstigten Frau eine Amokläuferin wird, schildert Ferrara in seinem zweiten Film auf düstere, beunruhigende, radikale Art und Weise. Die Eigendynamik von Gewalt und Gegengewalt führt hier zur Katastrophe, wobei die Grenze zwischen Opfer und Täter verschwimmt. MS. 45 ist rätselhaft, fatal und traurig. Die Hauptrolle spielt die gerade erst siebzehnjährige Zoë Tamerlis, unnahbar, grandios und unvergeßlich.

 

SHIVERS / THEY CAME FROM WITHIN / DER PARASITENMÖRDER

(Regie: David Cronenberg, Kanada 1975, 87 Min.)

In einer luxuriösen, abgeschotteten Wohnanlage bricht eine Epidemie aus. Die dubiosen Experimente eines Wissenschaftlers geraten außer Kontrolle und lassen die heile Welt zu einem Alptraum werden. Der Kanadier David Cronenberg ist der Meister des „body horror“. Schon mit SHIVERS beweist er das. Seine Filme kreisen um Transplantationen und künstliche Veränderungen des Köpers, um Genmanipulationen und die Risiken einer Gesellschaft, in der fast alles möglich scheint. Bei Cronenberg sind die Monster keine Fremdlinge mehr, sie kommen nicht
von außen, sondern von innen. Sie haben ihre Ursache in den Menschen selbst. Irgendwann kommen sie an die Oberfläche, sexhungrig, unersättlich, gefährlich. Die Entfesselung sexueller Begierden und die Zerstörung gesellschaftlicher Strukturen sind dabei zwei Seiten einer Entwicklung. Cronenberg schildert das mit kalt sezierendem Blick.

 

DEADLY WEAPONS / TEUFLISCHE BRÜSTE

(Regie/Produktion: Doris Wishman, D: Chesty Morgan, USA 1974, 72 Min.)

Chrystal (Chesty Morgan) jagt die Mörder ihres Geliebten. Einen nach dem anderen tötet sie auf unorthodoxe Weise beim Sex. Wie in COFFY und MS.45 nimmt in DEADLY WEAPONS eine Frau ihr Schicksal selbst in die Hand. So schlicht und einfach die Handlung, so absolut bizarr ist dieser Film. Dafür sorgt Doris Wishman, die „Queen of Sexploitation“, zweifellos eine der merkwürdigsten und produktivsten Regisseurinnen des 20. Jahrhunderts.

Wishman begann ihre Filmkarriere als Autodidaktin. Mit Geschäftssinn und Hartnäckigkeit eroberte sie sich im Genre des billigen, von Männern dominierten Exploitationfilms Freiräume für ihre Obsessionen. Ein kunstvoller Dilettantismus zeichnet ihre Werke ebenso aus wie dauernde Verstöße gegen die Regeln des Erzählens. Zudem hat Wishman einen ausgesprochen schrägen Humor.

Als die kultivierte, zierliche und sehr energische Regisseurin 2002 in hohem Alter starb, schrieb Doris Kuhn in der „Süddeutschen Zeitung“ über DEADLY WEAPONS: „Der Tathergang implodierte und hinterließ eine Atmosphäre des Obskuren, die die Phantasien über das Filmemachen in völlig neue Galaxien trieb. Es war nicht Sex, was die Filme von Doris Wishman so ungewöhnlich machte. Es war viel mehr ihre Art, sich über jede Form von Glaubwürdigkeit und Sehgewohnheiten hinwegzusetzen. Ihr Werk ist einzigartig, und daß es dennoch kaum Aufsehen erregte, liegt sicher auch daran, daß man es nur selten und nur in Schmuddelkinos sehen konnte. Das ist um so trauriger, als Wishman mit ihren Filmen deutlich machte, daß wirklich wildes Kino mit der erbaulichen Realität Hollywoods nichts zu tun hat.“ Das ist die Wahrheit